Innerhalb von 14 Tagen erfuhr die Erler Femeiche eine zweifache Ehrung. Am 30. Oktober 2021 wurde sie zum 12. Nationalerbe-Baum in Deutschland ausgerufen und am 14. November wurde eine neu gestaltete Ausstellung im Erler Heimathaus eröffnet, die die Geschichte des 1000-jährigen Naturdenkmals erzählt. Zuvor war dem Heimatverein Erle am 25. Oktober im Rahmen der Verleihung des Felix-Sümmermann-Preises für Denkmalpflege eine Anerkennung für seine Projekte rund um die Femeiche ausgesprochen worden.

Eröffnung der Femeichenausstellung

21 Informationstafeln

Da der Heimatverein von der Auszeichnung der Eiche zum Nationalerbe-Baum erst später erfahren hatte, konnte die Ausstellungseröffnung nicht gleichzeitig stattfinden. Die ca. 50 Besucher der Ausstellung wurden von Carlo Behler zu jeder vollen Stunde durch die 21 Informationstafeln umfassende Ausstellung geführt. Er hatte die Informationstexte formuliert und die Bilder und Grafiken zusammengestellt. Mediengestalter Wenzel Schierenberg gestaltete mit einem Spezialprogramm diese Vorlagen zu anschaulichen Einheiten. Denn jede Tafel hat ein eigenes Thema und ist übersichtlich in verschiedene Abschnitte mit Überschriften und entsprechender Bebilderung gegliedert. Passend zum alten Eichenbaum unterstreichen unterschiedliche, den Texten unterlegte Grüntöne die Gliederung. Originalzitate werden in historischen Schrifttypen wiedergegeben.

Femeichenausstellung wurde eröffnet
Der Ausstellungsraum mit Schautafeln, Mantelfragment und Baumscheiben

Die Themen der Tafeln umfassen die Bereiche: die Frage nach dem Alter des Baumes, die Entwicklung der Go- und Freigerichtsbarkeit (Nieder- und Hochgerichtsbarkeit) im Mittelalter, die Bedeutung der Femegerichtsbarkeit als besondere Form der Freigerichtsbarkeit im Spätmittelalter, der Freistuhl zum Assenkampe an der Erler Femeiche, der Femeprozess von 1441, die Nachwirkungen der Feme in Literatur, Kunst und Politik, berühmte Besucher an der Femeiche, die Erhaltungs- und Pflegemaßnahmen, die Eiche in der NS-Zeit, Besuchsgruppen in den letzten 100 Jahren, Funk- und Fernsehen an der Eiche, die Aufstellung der Gerichtsskulptur und das Nachspiel des Femeprozesses  von 1441 sowie die Gedichte über die Eiche.

Schautafel Femeprozess von 1441

Das Alter der Eiche

Die verschiedenen Berechnungen zum Alter der Eiche auf der ersten Tafel kommen zu einem ähnlichen Ergebnis wie Professor Roloff von der TU Dresden. Mit geschätzten 800 – 1100 Jahren (Prof. Roloff: 800 – 1000 Jahren) kann man mit einiger Berechtigung von der 1000-jährigen Femeiche sprechen. Die lange kolportierte Überlieferung, die Eiche sei schon zur Zeit Karls des Großen ein mächtiger Baum gewesen, und die sich daran knüpfenden Erzählungen, sie habe vor über 1300 Jahren als heidnischer Kult- und Versammlungsort der Germanen fungiert, werden somit ins Reich der Legenden verwiesen, es sei denn man folgte der Erklärung, dass die Eiche einen Vorgängerbaum gehabt habe. In einer Tischvitrine sind Faksimiles von notariellen Dokumenten aus dem 14. – 16. Jahrhundert zu sehen, die als Kaufverträge, Erbverträge u. Ä. vor dem Erler Freigericht beurkundet wurden.

Tischvitrine mit Urkunden

Mantelfragmente und Baumscheiben

Norbert Sabellek (v.l.), Klaus Werner und Carlo Behler freuten sich über viele Besucher. Blickfang der Ausstellung: Das große Mantelfragment mit Astansätzen

Blickfang der Ausstellung ist ein 1,40 m langes Mantelfragment, das vor Jahrzehnten bei Pflegearbeiten aus dem Mantel im oberen Stammbereich herausgeschnitten wurde. In einer Ausbuchtung sind die Jahresringe eines Astansatzes zu sehen. Zudem haben Hermann Buning und Johannes Kempken Astscheiben aus einem vor ca. 40 Jahren entfernten Ast mit ca. 150 Jahresringen als Leihgabe der Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Baumscheiben auf Blattgold: Wenzel Schierenberg (l.) und Carlo Behler, die Gestalter der Ausstellung, zeigen diese Leihgabe.

Nach Besichtigung der Ausstellung konnten die Besucher bei Kaffee und Kuchen gegen eine Spende ihre Eindrücke austauschen. Den Kuchen hatte wieder Biobäcker Hubert Leiers gebacken und dem Heimatverein kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Spendenerlös wird einem karikativen Zweck zugeführt. Die Ausstellung ist an jedem 1. Sonntag im Monat von 15.00 – 17.00 Uhr geöffnet.

Anerkennung für Denkmalpflege

Am 25. Oktober war bei der Verleihung des Felix-Sümmermann-Preises für Verdienste um die Denkmalpflege im Kreis Borken im Kreishaus Borken dem Heimatverein Erle für seine vielfältigen Projekte rund um die Femeiche eine Anerkennung, verbunden mit der Zuwendung von 100 €, ausgesprochen worden. Der erste Preis ging an den Heimatverein Werth für die Restaurierung der Turmwindmühle Werth, den zweiten und dritten Preis erhielten Familien für die Restaurierung alter Fabrikantenvillen, der Villa Grüter in Borken und der Villa Lühl in Gemen. Zudem bekam die evangelische Kirchengemeinde Gronau einen Sonderpreis für ihren Einsatz für die Wilhelm-Sauer-Orgel. Sie wurde, aus Dortmund stammend, von der Kirchengemeinde in Gronau übernommen.

Im Kreise der Jurymitglieder die Vertreter des Heimatvereins Erle mit der Anerkennungsurkunde: ab 3. v. l.: Norbert Sabellek, Wenzel Schierenberg und Carlo Behler
Die 10 Bewerbergruppen, denen eine Anerkennung ausgesprochen wurde. Neben Landrat Kai Zwicker (l.) die drei Vertreter des Heimatvereins Erle

Der Heimatverein hat auf unterschiedliche Art Informationen über die Femeiche für Besucher zugänglicher und anschaulicher gemacht. Neben der oben beschriebenen Ausstellung sind vor Jahren Informationstafeln und die steinerne Nachbildung des Femegerichts an der Femeiche aufgestellt worden. Flyer über die Femeiche und die 17 Erler Geschichtsstationen können aus Boxen an der Informationstafel entnommen werden. Besucher können ihre Eindrücke und Gedanken in ein Gästbuch schreiben. Zudem besteht die Möglichkeit, Sämlinge, die im Bauerngarten am Heimathaus von der durch Vereinsmitglieder betreuten Garten-AG der Grundschule aus den Eicheln der Femeiche herangezogen werden, mit Echtheitszertifikat zu erwerben.

Ausrufung der Femeiche zum Nationalerbe-Baum

Trotz des Nieselregens hatten sich zwei Wochen zuvor ca. 150 Zuschauer eingefunden, die sich das einmalige Ereignis der Erhebung der Femeiche in den „Adelsstand“ nicht entgehen lassen wollten. Als erster Baum in NRW und als 12. bundeweit wurde die Femeiche vom Kuratorium Nationalerbe-Bäume in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (DDG) wegen ihrer Einmaligkeit und historischen Besonderheit als Gerichtsstätte zum Nationalerbe-Baum ausgerufen.

Laudatio auf die Femeiche von Professor Andreas Roloff
Raesfelds Bürgermeister Martin Tesing (l.) und Professor Andreas Roloff enthüllen die Tafel, die die Femeiche zum Nationalerbe-Baum ernennt.

Professor Roloff von der TU Dresden, Vorsitzender des Kuratoriums, würdigte in einer Laudatio die alte Eiche. Er erklärte  die Veränderungen ihrer Gestalt in den letzten 250 Jahren und erzählte aus ihrem langen Leben. “Dieser Baumveteran ist absolut einmalig. Was für eine Skulptur von Lebewesen, welch aufregende Gestalt“, schwärmte der Forstbotaniker. Der Stammumfang von 12,45 m in 1,30 m Höhe lasse ungefähr auf ein Alter von 800 – 1000 Jahren schließen. Damit sei die Eiche von Umfang und Alter einer der wertvollsten Bäume des Landes. Mit der Ausrufung zum Nationalerbe-Baum ist die Finanzierung notwendiger Pflege-, Sicherungs- und Schutzmaßnahmen verbunden.

„Dieser Baum lehrt uns Respekt vor dem Leben.“

Der stellvertretende Landrat Otger Harks gratulierte zur Auszeichnung und Bürgermeister Martin Tesing versprach, zusammen mit der unteren Landschaftsbehörde des Kreises Borken  der Eiche weiterhin alle notwendige Pflege zukommen zu lassen. Der Präsident der DDG Eike Jablonski stellte die Arbeit der seit 1892 existierenden DDG vor, die sich den Erhalt, die Pflege und die Pflanzung von Bäumen und Sträuchern zur Aufgabe gemacht hat. Fabian Tilling, Pfarrer der Gemeinde St. Martin, die seit Jahrhunderten Grundbesitzerin der Femeiche ist, verglich den zerklüfteten Stamm mit den zerfurchten Händen eines alten Menschen. „Ich wünsche mir, dass dieser Baum uns Respekt vor dem Leben lehrt“, resümierte der Geistliche.

v.l.: Professor Andreas Roloff, DDG-Präsident Eike Jablonski, Pfarrer Fabian Tilling, stellv. Vorsitzender des Kirchenvorstandes Gregor Badurczyk, Bürgermeister Martin Tesing
Der Heimatverein Erle überreicht Professor Roloff mehrere Geschenke: einen alten Korn der Brennerei Böckenhoff (Andreas Cluse und Norbert Sabellek v. l.), einen Bildband über die Femeiche von Klaus Werner (M. r.) und eine Astscheibe der Femeiche von Hermann Buning (r.). Zudem bekommen er und DDG-Präsident Jablonski (M. l) je einen Femeichensämling geschenkt.

Die Feier wurde musikalisch umrahmt von den Erler Jägern. Zum Abschluss spielten sie das „Erlske Leed“, wobei kräftig mitgesungen wurde. Anschließend klang die Feier bei Kaffee und Kuchen aus.

Die zahlreichen Zuschauer lauschen der Rede von Pfarrer Tilling
und trotzen dem Regenwetter.

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